Anmeldung Luzerner Stadtlauf

Diese Stimmung verleiht Flügel

Die Ambiance in den Luzerner Altstadtgassen ist gigantisch. Das beflügelt, darf einen aber nicht übermütig werden lassen. Ein Augenschein aus Läuferoptik.

Beim Start gehe ich das allgemeine Tempo mit und konzentriere mich darauf, nicht in unnötige Rempeleien verwickelt zu werden. Die Stimmung in der Bahnhofstrasse ist genial, sie legt sich wie ein akustischer Teppich über das Startgelände. Ich geniesse die Unterstützung, die mir von den Supportern hinter den Absperrbanden entgegenschallt, und düse über die Pflastersteine vor dem Regierungsgebäude. Als sich das Feld in die Länge zieht und genügend Platz vorhanden ist, um das eigene Tempo laufen zu können, drossle ich meinen Speed auf ein realistischeres Mass. Das hatte ich mir vor dem Start so vorgenommen und scheint mir insofern sinnvoll, als dass der Lauf noch lang ist und ich bis vor ein paar Wochen vor allem am Langlaufen war. Das heisst, dass der Motor vom Winter immer noch gut getunt ist, das Chassis jedoch seine liebe Mühe hat, mit den Schlägen klarzukommen.

Beim Historischen Museum gehen mir plötzlich die schönsten Bilder des vergangenen Winters durch den Kopf – ausgelöst durch eine langjährige Langlaufkollegin, die dort arbeitet. Diese abschweifenden Gedanken hätte ich besser nicht zugelassen, denn ...

Das Weyermann’sche Motto

... Ouuups, da kommt ein Poller! Die Beinahe-Kollision mit dem steinigen Ding holt mich in die Realität zurück: Und das ist gerade die lange Gerade entlang der Reuss, Zaungäste hat es hier bloss vereinzelt. Ich besinne mich auf das Weyermann’sche Motto («Greng ache u seckle») und gebe dosiert Gas. Bis zum Nölliturm mache ich ein paar Positionen gut. Am St.-Karli-Quai hilft mir die kühle Brise, dass ich nicht bereits in dieser frühen Wettkampfphase überhitze oder gar übermütig werde.

Stimmungsvolle Altstadt

Am Mühlenplatz halte ich eisern am vernünftigen Tempo fest und damit den Hammermann weit von mir fern. Ich sauge die Unterstützung des voll abgehenden Publikums auf, speichere sie aber für später – in der Euphorie spontan einen Gang zuzulegen, könnte sich nämlich unschön rächen. Auf dem Weinmarkt, dem Kornmarkt und in der Kapellgasse erkenne ich am Streckenrand sogar einzelne Gesichter aus meiner Nachbarschaft – das zeigt mir, dass mein Tempo im grünen Bereich ist. Auch hier erreicht die Stimmung Höchstwerte, und ich freue mich auf die Schlussrunde. Oder auf die Flügel, die mir auf diesem Abschnitt wachsen könnten.

Die Ruhe in der Brüggligasse

Doch das ist noch Zukunftsmusik, aktuell sind wir bei Kilometer 1,5 – und es ist noch recht weit bis ins Ziel. Nach den schadlos überstandenen Richtungswechseln beim Kapellplatz, Sternenplatz und Schwanenplatz folgt der vergleichsweise ruhige Löwengraben. Publikum gibt es hier nur wenig, nach dem Anstieg Richtung Zeughaus steht in der Brüggligasse kein Mensch. Diese Ruhe tut gut, hier hatte ich schon in früheren Jahren meinen Rhythmus gefunden, der mich in der Folge bis ins Ziel begleiten sollte. Und diesmal ist es genauso!

Die Vorstufe des Turbos

Als ich den Nöllitunnel zum letzten Mal passiere, zündet sich in meinen Beinen, wie insgeheim erhofft, die Vorstufe des Turbos. Auf dem Mühlenplatz kriege ich von der Stimmung Hühnerhaut und einen gehörigen Energieschub. Diesen nutze ich, um den «Berg» beim Weinmarkt zu erklimmen. Er scheint mir zwar komischerweise etwas steiler als in der Runde zuvor, das maximal laute Publikum kompensiert die topografischen Schwierigkeiten aber problemlos und gibt darüber hinaus viel Schwung für die Zielgerade. Meine persönlichen Fans in der Kapellgasse nehme ich nur noch diffus wahr. Ihr gezieltes «Hopp, Roli!» verrät mir aber, dass sie noch da sind. Ich fliege in Richtung Ziel, und die gefühlten Flügel sind fast breiter als die Gasse. Nach der «Landung» auf dem Kapellplatz bin ich ziemlich geschafft, aber auch zufrieden. Irgendwie habe ich am Stadtlauf wieder mal mit dem Minimum an Lauftraining das relative Maximum rausgeholt. Nicht zuletzt dank dem Publikum und der einzigartigen Stimmung. Wenn ich in diesem Moment einen Blumenstrauss erhalten hätte, hätte ich ihn wohl gleich in der Kapellgasse an die treuen Zuschauer verschenkt.

Ein Text von Roland Eggsbühler (regionalsport@luzernerzeitung.ch), erschienen in der Ranglistenbeilage der Neuen LZ vom Montag, 27. April 2015.